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Rip Van Winkle
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Rip Van Winkle ist eine ErzĂ€hlung des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving (1783â1859), die erstmals 1819 im Rahmen seines Sketch Book erschien. Neben The Legend of Sleepy Hollow (dt. Die Sage von der schlĂ€frigen Schlucht) aus demselben Band gilt sie als erste Kurzgeschichte der amerikanischen Literatur und ist bis heute eine der bekanntesten. Angelehnt an die deutsche Sage Der Ziegenhirt, erzĂ€hlt sie die Geschichte des Bauern Rip Van Winkle, der zur englischen Kolonialzeit in den Bergen New Yorks in einen Zauberschlaf fĂ€llt, erst nach zwanzig Jahren wieder aufwacht und feststellt, dass er nun nicht mehr Untertan des englischen Königs, sondern BĂŒrger der Vereinigten Staaten ist.
Contents
âą Inhalt
âą Werkzusammenhang
âą Entstehung
⹠ErzÀhlinstanzen
âą Gattung
âą Quellen
âą Romantisches
âą Politisches
⹠Persönliches
âą Literatur
âą Ausgaben
âą E-Texte
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Inhalt
Der Anfang der Geschichte spielt in der englischen Kolonialzeit des heutigen amerikanischen Bundesstaats New York. In einem idyllischen Dorf niederlĂ€ndischer Siedler zwischen dem Hudson River und den âKaatskillâ-Bergen fĂŒhrt der Bauer Rip Van Winkle ein beschauliches Leben und ist als einfacher und gutmĂŒtiger Mann bei Frauen, Kindern und Hunden gleichermaĂen beliebt. Da er aber eine âunĂŒberwindliche Abneigung gegen alle Arten von erklecklicher Arbeitâ hat, muss er hĂ€ufig den Zorn seines missmutigen Weibes (nur âDame Van Winkleâ genannt) erdulden und nutzt jede Gelegenheit, den Unannehmlichkeiten des Ehelebens und der HĂ€uslichkeit zu entrinnen und in Begleitung seines Hundes durch die WĂ€lder zu streifen, um zu angeln oder zu jagen. Auf einem dieser StreifzĂŒge durch die Kaatskills vernimmt er, mitten im Wald, plötzlich seinen Namen und sieht eine menschliche Gestalt, gekleidet in altmodischer niederlĂ€ndischer Tracht und ein Fass Schnaps auf der Schulter tragend. Wortlos folgt er der Erscheinung durch eine Schlucht zu einer Senke, wo sich zu seinem groĂen Erstaunen eine ganze Gesellschaft Ă€hnlich seltsamer Gestalten â die Szene erinnert Rip an ein altes flĂ€misches GemĂ€lde â zum Kegelspiel zusammengefunden hat. Kein Wort wird gewechselt, allein das Poltern der Kugeln stört die Stille. Wortlos wird Rip geheiĂen, den Spielern aus dem Fass auszuschenken, aus dem er schlieĂlich selbst kostet und in einen tiefen Schlaf fĂ€llt.
Als er aufwacht, ist die geisterhafte Gesellschaft verschwunden, ebenso sein Hund; statt seines Gewehrs findet Rip nur eine vermoderte Flinte, auĂerdem stellt er zu seiner Ăberraschung fest, dass sein Bart scheinbar ĂŒber Nacht einen FuĂ gewachsen ist. Als er in sein Dorf zurĂŒckkehrt, erkennt er es kaum wieder â ĂŒberall sind neue HĂ€user entstanden, sein eigenes Haus ist verfallen und verlassen, und auch alle Bewohner (und Hunde) scheinen ihm unbekannt und begegnen ihm mit Misstrauen. Rips geliebtes Wirtshaus ist dem Union Hotel gewichen, und dort hĂ€ngt zwar â so scheint es ihm â immer noch das vertraute PortrĂ€t des englischen Königs, doch ist es nun mit dem Schriftzug General Washington versehen. Davor eifert ein Redner ĂŒber âWahlenâ, âBĂŒrgerâ, den âKongressâ, die âHelden von â76â und Ă€hnliche, fĂŒr Rip völlig unverstĂ€ndliche Dinge. Als er von der neugierigen Menge zur Rede gestellt wird, erklĂ€rt der in BedrĂ€ngnis geratene Rip, er sei ein âarmer, ruhiger Mann, ein Einwohner des Dorfes und ein treuer Untertan des Königs, Gott segne ihn!â und wird daraufhin beschuldigt, ein VerrĂ€ter und Spion zu sein.
Erst als ihn eine alte Frau erkennt, löst sich das RĂ€tsel: Rip hat nicht eine Nacht, sondern zwanzig Jahre geschlafen. In der Zwischenzeit ist seine Frau verstorben (die einzige tröstliche Nachricht fĂŒr ihn), seine Kinder sind erwachsen geworden, und vor allem hat er die amerikanische Revolution und den UnabhĂ€ngigkeitskrieg verschlafen. Der Ă€lteste Dorfbewohner erklĂ€rt, dass es sich bei den wunderhaften Gestalten, die Rip dereinst im Wald angetroffen habe, um niemand geringeres als Henry Hudson und seine hollĂ€ndische Mannschaft gehandelt haben mĂŒsse; alle zwanzig Jahre halte Hudson in den Bergen Einkehr, um den Fortschritt des nach ihm benannten Tals in Augenschein zu nehmen. Rip Van Winkle kommt indes im Haushalt seiner Tochter unter und verbringt, befreit vom âJoch der Eheâ, einen angenehmen Lebensabend. Seine Geschichte erzĂ€hlt er allen Kindern und Reisenden so oft, bis sie schlieĂlich landein, landaus bekannt ist; und obwohl, so der ErzĂ€hler, einige böse Stimmen behaupten, er sei nicht recht bei Verstand gewesen, so zweifelten doch mindestens die niederlĂ€ndischen Siedler nie an ihrer Wahrheit.
Werkzusammenhang
Entstehung
Rip Van Winkle ist Teil des âSkizzenbuchsâ (The Sketch Book of Geoffrey Crayon, Gent.), das Irving 1818/19 in England verfasste. 1815 war er nach Liverpool gekommen, um seinem Bruder bei der Leitung der englischen Filiale des irvingschen Familienunternehmens zur Hand zu gehen, doch konnte er den Niedergang und schlieĂlich den Bankrott des Unternehmens im Jahr 1818 nicht abwenden. Nach diesen ernĂŒchternden Jahren sah sich Irving in einem fremden Land auf sich selbst gestellt, verfiel in Depressionen und fasste schlieĂlich den Entschluss, die Literatur zum Beruf zu machen. Rip Van Winkle entstand einer Familienanekdote zufolge im Juni 1818, als Irving bei seiner Schwester Sarah Van Wart in Birmingham weilte. Mit seinem Schwager Henry Van Wart schwelgte er eines Abends in Erinnerungen an glĂŒckliche Jugendtage in der lĂ€ndlichen Idylle des Hudson-Tals. Plötzlich sei er aufgesprungen, habe sich in sein Zimmer begeben und bis zum Morgengrauen geschrieben, um dann, das Manuskript in HĂ€nden haltend, frohen Mutes am FrĂŒhstĂŒckstisch zu erscheinen und seinen Gastgebern die Geschichte vorzulesen.cite-ref-1[1]
Die Texte des Skizzenbuchs erschienen in Amerika zunĂ€chst ĂŒber einen Zeitraum von rund anderthalb Jahren in sieben Einzelheften, in Buchform erstmals 1820 in zwei BĂ€nden in England. Rip van Winkle erschien als vierte und letzte âSkizzeâ des ersten amerikanischen Hefts (als fĂŒnfte, wenn man die vorangestellte Vorstellung des Autors hinzuzĂ€hlt) vom Mai 1819. Sie war die erste, deren Schauplatz nicht Europa, sondern Irvings Heimat New York ist. Rip Van Winkle kann so als Ehrerbietung gegenĂŒber seinem New Yorker Publikum gelesen werden. Einen autobiografischen Zusammenhang legt der Umstand nahe, dass die Protagonisten der beiden vorangehenden Skizzen, The Wife und Roscoe, ebenso wie Rip Van Winkle von finanziellem Ruin und Verarmung bedroht sind â im Fall von Rip Van Winkle ist dabei augenfĂ€llig, dass dieser letztlich nicht nur dieser Notlage entrinnt, sondern am Ende der Geschichte auch als GeschichtenerzĂ€hler bekannt und geehrt wird.cite-ref-2[2]
ErzÀhlinstanzen
Die Geschichte ist in eine komplexe Herausgeberfiktion eingebettet: Irving veröffentlichte bis zu seiner Kolumbusbiografie 1828 stets unter verschiedenen Pseudonymen, auch wenn seine Autorschaft bekannt war. ErzĂ€hler und vorgeblicher Autor des Skizzenbuchs ist ein gewisser Geoffrey Crayon, ein amerikanischer Gent. (Gentleman) auf Reisen in Europa. Der Rip Van Winkle wird hingegen als in die Skizzen Crayons eingeflossenes Werk aus dem Nachlass des Historikers Diedrich Knickerbocker prĂ€sentiert. Diese Persona hatte Irving bereits 1807 als ErzĂ€hler seiner erschienenen satirischen History of New York (dt. Geschichte New Yorks vom Beginn der Welt bis zum Ende der hollĂ€ndischen Dynastie) vorgeschoben: Knickerbocker sei demnach eines Tages spurlos verschwunden, und sein Vermieter habe die in seinem Nachlass gefundenen Papiere veröffentlicht, um mit den Erlösen die AusstĂ€nde Knickerbockers zu begleichen. Im Skizzenbuch erscheint Rip Van Winkle eingerahmt von einer Vorrede, einem Appendix und einem Postskriptum des ErzĂ€hlers Geoffrey Crayon â eine Parodie der Art von kritischem Apparat, wie ihn etwa Walter Scott oder die BrĂŒder Grimm ihren Lieder- und MĂ€rchensammlungen beifĂŒgten.cite-ref-3[3] Crayon bĂŒrgt darin fĂŒr die VerlĂ€sslichkeit seines GewĂ€hrsmanns Knickerbocker:
Die Wahrhaftigkeit der Geschichte wird nochmals im Postskriptum unterstrichen, in dem eine beigefĂŒgte Bemerkung Knickerbockers zitiert wird. Knickerbocker behauptete darin, Rip Van Winkle nicht nur persönlich getroffen, sondern âsogar eine Beglaubigungsschrift ĂŒber den Gegenstand gesehenâ zu haben, âdie von einem Dorfrichter aufgenommen und mit einem Kreuz, in des Richters eigener Handschrift, unterzeichnet war. Die Geschichte ist also ĂŒber jeden möglichen Zweifel erhaben.âcite-ref-4[4] So wird die Geschichte durch gleich drei ErzĂ€hler â Geoffrey Crayon, Diedrich Knickerbocker, Rip Van Winkle â vermittelt und so ironisch gebrochen.
Gattung
Besondere Bedeutung hat Rip Van Winkle fĂŒr die Gattungstheorie: Ungeachtet der Tatsache, dass es fiktionale Kurzprosa auch vor Irving gab und eine Definition des Wesens der short story (Kurzgeschichte) â unterschieden etwa von der Anekdote, dem MĂ€rchen oder der Novelle â in der Literaturwissenschaft bis heute offen diskutiert wird, gilt Irving mit Rip Van Winkle als âUrtextâ gemeinhin als âErfinderâ der Kurzgeschichte,cite-ref-5[5] einer Gattung, die anders als in der deutschen oder auch englischen besonders in der amerikanischen Literatur groĂe Geltung erlangt hat. WĂ€hrend die anderen Skizzen des Skizzenbuch kaum narrativ und zumeist auch nicht fiktional angelegt sind und so eher dem Essay oder auch der Reiseliteratur nahestehen, bildet Rip Van Winkle eine in sich geschlossene Handlung ab, die sich um ein prĂ€gnantes und auĂerordentliches âMittelpunktsereignisâ oder Grundmotiv strukturiert.cite-ref-6[6] Dies gilt ebenso fĂŒr die âSkizzenâ The Legend of Sleepy Hollow (âDie Sage von der schlĂ€frigen Schluchtâ) und das heute kaum noch gelesene StĂŒck The Spectre Bridegroom (âDer GeisterbrĂ€utigamâ), die in spĂ€teren Heften des Sketch Book erschienen. Die Bezeichnung als short story erfolgte nachtrĂ€glich; Irving selbst bezeichnete seine KurzprosastĂŒcke als sketches & short tales.cite-ref-7[7]
Quellen
In einem Nachwort zu der Geschichte deutet Irving ĂŒber seinen ErzĂ€hler an, ihm habe die KyffhĂ€usersage vom schlafenden Friedrich Barbarossa beim Verfassen des Rip Van Winkle Modell gestanden. Schon bald nach dem Erscheinen des Sketch Book wurden jedoch VorwĂŒrfe gegen Irving erhoben, er habe seine wahren Quellen nicht dargelegt und sich des Plagiats schuldig gemacht, so dass er sich in Bracebridge Hall (1824) zu einer Verteidigung angehalten sah.cite-ref-8[8] TatsĂ€chlich gilt heute als gesichert, dass das unmittelbare Vorbild fĂŒr den Rip Van Winkle die ebenfalls vom KyffhĂ€user stammende Sage vom Ziegenhirten Peter Klaus ist, die Johann Karl Christoph Nachtigal unter dem Pseudonym Otmar 1800 erstmals in seiner Sammlung von Volcks-Sagen aus dem Harz veröffentlichte.cite-ref-9[9] Vermutlich lernte Irving diese Sage ĂŒber BĂŒschings Volks-Sagen, MĂ€rchen und Legenden (1812) kennen.cite-ref-10[10] Dass Irving die beiden Sagen verwechselte, mag daran liegen, dass sie in BĂŒschings Sammlung in einem Kapitel (âSagen und MĂ€hrchen vom Harzâ) vereinigt sind und auch in einem thematischen Zusammenhang stehen.cite-ref-11[11] Einige Passagen von Irvings ErzĂ€hlung sind tatsĂ€chlich kaum mehr als Ăbersetzungen von Otmars Vorlage, so dass etwa Stanley T. Williams in seiner Irving-Biografie (1935) die Klage erneuerte, Irving habe âgeklautâ.cite-ref-12[12] TatsĂ€chlich hat Rip Van Winkle jedoch nicht nur den vierfachen Umfang seines Vorbilds, sondern enthĂ€lt auch signifikante Ănderungen und Erweiterungen, insbesondere die Verlegung des Schauplatzes nach New York und die Einbettung der Handlung in einen spezifischen historischen Kontext.
Das zentrale Motiv vom Zauberschlaf findet sich in zahlreichen Sagen und MĂ€rchen aus den verschiedensten Kulturkreisen. Im Aarne-Thompson-Index, der fĂŒr die ErzĂ€hlforschung maĂgeblichen Klassifizierung von MĂ€rchenstoffen, wird das Motiv vom Zauberschlaf unter der Sigle AaTh 766 (âSiebenschlĂ€ferâ) gefĂŒhrt. Die weite Verbreitung des Motivs hat dazu gefĂŒhrt, dass sich in der Literatur hĂ€ufig noch andere Angaben zu Irvings mutmaĂlichen Quellen finden. Als sich der niederlĂ€ndische Historiker Tiemen De Vries in einer Vortragsreihe 1912 ĂŒber Irvings Darstellung der NiederlĂ€nder als faul und simpel ereiferte, behauptete er auch fĂ€lschlich, dass sich Irving fĂŒr den Rip Van Winkle bei Erasmus von Rotterdam bedient habe â Erasmus hatte in einer seiner Schriften die alte griechische Sage von Epimenides ausgefĂŒhrt, der 57 Jahre in der DiktĂ€ischen Höhle geschlafen haben soll. Eine wahrscheinlichere weitere direkte Quelle ist die schottische Sage von Thomas the Rhymer, in der der Sterbliche Thomas von der Königin der Elfen zu einem Fest geladen wird und nach dessen Ende feststellt, dass in der Zwischenzeit sieben Jahre verstrichen sind. Diese Sage â bis heute in Form einer Ballade recht bekannt â erwĂ€hnte Irving in einem Brief an seinen Bruder Peter, den er 1817 nach seinem Besuch bei Walter Scott schrieb.cite-ref-13[13]
Auch das verwandte Motiv der BergentrĂŒckung, wie es sich in der KyffhĂ€usersage vom verzauberten Friedrich Barbarossa findet, klingt in Rip Van Winkle an: So wie Barbarossas Schlaf mit der Hoffnung auf die Erneuerung âdes Reiches Herrlichkeitâ (Friedrich RĂŒckert) verknĂŒpft ist, so wacht ein zu mythischer Statur gewachsener Henry Hudson ĂŒber die Entwicklung New Yorks. Wie in der deutschen Sage ĂŒber dem KyffhĂ€user fliegen auch ĂŒber Irvings Kaatskill-Bergen Raben, und auch Rip Van Winkles Bart wĂ€chst wĂ€hrend seines Zauberschlafs zu erstaunlicher LĂ€nge. Irving kannte das Motiv der BergentrĂŒckung jedoch nicht nur im Zusammenhang mit der KyffhĂ€usersage. In seinem Notizbuch hielt er 1818 seine EindrĂŒcke der LektĂŒre der Briefe eines reisenden Franzosen ĂŒber Deutschland von Johann Kaspar Riesbeck fest und notierte dabei insbesondere fast wortgetreu Passagen aus dem 14. Brief ĂŒber Salzburg und Umgebung, darunter den Verweis auf eine Sage, nach der Karl der GroĂe mit seinem Heer im Watzmann auf seine Auferstehung warte, sowie eine Notiz ĂŒber âZauberer, deren weiĂe BĂ€rte zehn oder zwanzig Mal um den Tisch gewachsen sind, auf dem sie schlafen, und tausendjĂ€hrige Einsiedler, die GemsenjĂ€ger durch unterirdische GĂ€nge gefĂŒhrt und ihnen MĂ€rchenpalĂ€ste voll Gold und Edelsteinen gezeigt habenâ.cite-ref-14[14] Auch andere klassische Sagenmotive finden sich in Rip Van Winkle: So lĂ€sst Rips RĂŒckkehr an die des Odysseus nach Ithaka denken: WĂ€hrend der Held der Odyssee allein von seinem Hund Argos wiedererkannt wird, so wird Rip bei seiner RĂŒckkehr selbst von seinem einst treuen Hund Wolf angeknurrt.cite-ref-15[15]
Themen und Motive
Romantisches
Das Motiv des Zauberschlafs ist, wie oben ausgefĂŒhrt, ĂŒber Nachtigals Vermittlung einem deutschen MĂ€rchen entlehnt und spiegelt Irvings BeschĂ€ftigung mit der Literatur der deutschen Romantik wider, die in diesen Jahren in England wie in den USA intensiv rezipiert wurde. Waren Irvings frĂŒhe Werke wie die Satiren in Salmagundi und die History of New York an englischen Neoklassizisten wie Joseph Addison oder Oliver Goldsmith geschult, so markiert das Sketch Book seine Hinwendung zu einer romantischen Denkungsart.cite-ref-16[16] Nach seiner Ankunft in Europa 1815 machte besonders die Freundschaft zu Sir Walter Scott einen groĂen Eindruck auf ihn, und um 1818 begann er â wie Scott einige Jahre vor ihm â Deutsch zu lernen und beschĂ€ftigte sich mit Sagen und MĂ€rchen.cite-ref-17[17] Das âvolkstĂŒmlicheâ Sujet des Rip van Winkle zeigt den Effekt dieser LektĂŒre: Anders als seine vorigen Werke ist die Geschichte nicht in der Stadt angesiedelt, sondern in einem mit zahlreichen pittoresken Details ausgeschmĂŒckten lĂ€ndlichen Idyll:cite-ref-18[18]
Die Kaatskill-Berge werden nicht nur ob der Schönheit der Natur zum Sehnsuchtsort romantischer Wanderlust verklĂ€rt, sondern auch mit in die Vergangenheit weisenden Sagen versehen. Wie zahlreiche amerikanische Schriftsteller vor und nach ihmcite-ref-19[19] beklagte Irving, dass die Neue Welt keine altehrwĂŒrdige Geschichte biete, die sich literarisch bearbeiten lieĂe. Um auf die romantisch-nostalgische SchwĂ€rmerei fĂŒr vergangene Welten auch in seiner Heimat nicht verzichten zu mĂŒssen, dichtete Irving nun â an seine History of New York anknĂŒpfend â den Siedlern der niederlĂ€ndischen Kolonialzeit eine entsprechende Folklore an;cite-ref-20[20] in geringerem MaĂe flicht er auch angebliche indianische Mythen ĂŒber die Kaatskills in die Geschichte ein. 1843 schrieb er: âAls ich das erste Mal ĂŒber die Legende des Rip Van Winkle schrieb, hatte ich schon einige Zeit daran gedacht, einigen interessanten Orten in der Landschaft unserer Nation ein wenig Farbe und Tradition zu verleihen.âcite-ref-21[21] Das Resultat dieser romantischen Weltflucht ist ein Ort, in dem âdas Seltsame und Unerwartete, das Geheimnisvolle und das ĂbernatĂŒrliche nicht nur denkbar sind, sondern sich tatsĂ€chlich vor den Augen des Lesers ereignenâ.cite-ref-22[22] Dieser Ort hat indes mit der schnöden gesellschaftlichen RealitĂ€t im Zeitalter der Industrialisierung nicht allzu viel gemein, was schon 1825 William Hazlitt zu der Aussage verleitete, Irvings Schriften seien âliterarische Anachronismenâ.cite-ref-23[23]
Politisches
Die âAmerikanisierungâ des Sagenstoffs leistet Irving zum einen durch die Lokalisierung in New York, zum anderen aber auch durch die Einbettung in einen spezifischen historischen Kontext.cite-ref-ma142-24-0[24] Rip verschlĂ€ft die amerikanische Revolution und wird unversehens aus der Zeit der Monarchie in die Wirren der jungen Republik geworfen. Symbolisch wird dieser Bruch bei Rips Erwachen angedeutet: Statt der Raben, die zuvor ĂŒber den Bergen flogen â eine deutliche Anleihe an die KyffhĂ€usersage â, kreist nun ein Adler, das Wappentier der Vereinigten Staaten, ĂŒber den Kaatskills. Irvings Beschreibung von Rips RĂŒckkehr lĂ€sst eine sehr zwiespĂ€ltige Haltung zum Erbe der Revolution erkennen:
Die heimeligen ZusammenkĂŒnfte unter dem schattenspendenden Baum der DorfschĂ€nke sind aufgeregten politischen Debatten gewichen, ein âmagerer, gallsĂŒchtig aussehender Burscheâ hĂ€lt eine politische Rede, und von der aufgebrachten Menge wird Rip gefragt, âob er ein Föderalist oder ein Demokrat seiâ, und spĂ€ter verdĂ€chtigt, ein Tory, also ein königstreuer Loyalist und somit ein VaterlandsverrĂ€ter und Spion zu sein.
Irving zeigt so die tiefen GrĂ€ben auf, die das Parteiensystem der Demokratie zwischen den Bewohnern der einst so harmonischen Dorfgemeinschaft gerissen hat. Irving bezog zwar kaum je politisch Stellung, doch wird in seiner Beschreibung des Wahltags in Rip Van Winkle das Misstrauen deutlich, mit dem er egalitĂ€r-demokratischen Bestrebungen gegenĂŒberstand, die nach 1800 mit der PrĂ€sidentschaft Thomas Jeffersons die Oberhand gegenĂŒber der Föderalistischen Partei gewannen. Oft wurde die Geschichte auch als Parabel gelesen, in der Irvings zartgeistige Entfremdung von der zunehmend von Rationalismus und Gewinnstreben bestimmten amerikanischen Gesellschaft zum Ausdruck kommt.cite-ref-gilmore-25-0[25]
In der ErzĂ€hlung schlĂ€gt sich neben dem politischen auch der regionale Konflikt zwischen New Yorkern und NeuenglĂ€ndern nieder, die sich mit der Verfassung der Vereinigten Staaten von 1787 nun in einem Staatswesen miteinander arrangieren mussten. Das âUnion Hotelâ, das sich nunmehr an der Stelle der ehemaligen DorfschĂ€nke befindet, wird etwa von einem Jonathan Doolittle gefĂŒhrt â ein stereotypischer Name fĂŒr einen Yankee, also einen NeuenglĂ€nder mit allen ihm zugeschriebenen Eigenschaften, in den Augen Irvings wie vieler anderer New Yorker Literaten vor und nach ihm also insbesondere Gewinnsucht und Hartherzigkeit. Es wird sinnfĂ€llig als âgroĂes, schiefes, hölzernes GebĂ€udeâ beschrieben, âmit groĂen weiten Fenstern, von denen einige zerbrochen und mit alten HĂŒten und Unterröcken verstopft warenâ. Selbst die Schuld an Dame Van Winkles Tod wird einem Yankee angelastet: âSie zersprengte sich ein BlutgefĂ€Ă, bei einem Anfall von Zorn ĂŒber einen Hausierer aus Neu-England.âcite-ref-26[26]
Persönliches
Da Irvings Kurzgeschichten neben James Fenimore Coopers Romanen den Beginn einer eigenstĂ€ndigen amerikanischen Literatur markieren, haben sie auch in den klassischen Texten der Amerikanistik einige Beachtung gefunden, die gerade aus Spezifika der amerikanischen Literatur SchlĂŒsse auf den âNationalcharakterâ zu ziehen bemĂŒht war. So sah Lewis Mumford die ungeheure PopularitĂ€t der Geschichte darin begrĂŒndet, dass Rip einen bodenstĂ€ndigen, wenn nicht desillusionierten Gegenentwurf zu den ebenso populĂ€ren Geschichten von Frontier-Helden wie Paul Bunyan bot: Gerade weil Rip faul, nichtsnutzig und unfĂ€hig ist, sich fortzuentwickeln, spiegelte er die Erfahrung einer ganzen Generation wider, fĂŒr die sich die Hoffnungen auf Abenteuer und Reichtum als illusionĂ€r erwiesen hatten.cite-ref-27[27] Analog fĂŒhrte Constance Rourke den spĂ€teren Erfolg von Rip Van Winkle als BĂŒhnenstĂŒck in der Zeit nach dem amerikanischen BĂŒrgerkrieg (dem Gilded Age) darauf zurĂŒck, dass es mit seiner Darstellung eines plötzlichen Wandels und einer verlorenen Welt die kollektive SchlĂŒsselerfahrung dieser Zeit dramatisierte.cite-ref-28[28]
So stellt sich Rips Los auch nur vordergrĂŒndig als glĂŒcklich dar â oftmals ist die Geschichte als die Schilderung eines beĂ€ngstigenden IdentitĂ€tsverlusts gelesen worden,cite-ref-29[29] die in der Szene von Rips RĂŒckkehr ins Dorf ihren Höhepunkt erreicht, da er âsich nun so allein in der Welt fandâ:
Auch nachdem sich das RĂ€tsel um seine IdentitĂ€t gelöst hat, verbringt er zwar einen beschaulichen Lebensabend, ist jedoch zugleich ein lebender Anachronismus. Das âbeste Mannesalterâ hat er nicht erlebt, und so bleibt er auch als alter Mann im Grunde ein Kind, zahlt also (so der Literaturwissenschaftler Donald A. Ringe) einen âfurchtbaren Preisâ.cite-ref-30[30] In der Dorfgemeinschaft kommt ihm nur mehr die AuĂenseiterrolle eines harmlosen, nicht recht ernstzunehmenden, wenn auch liebenswerten alten Sonderlings zu.cite-ref-ma142-24-1[24] Dass Rips Geschichte vor allem furchtbar ist, legt auch eine Lesart nahe, die in seinem Namen eine Anspielung auf die Grabinschrift Rest in Peace (âRuhe in Friedenâ) sieht.cite-ref-31[31] TatsĂ€chlich durchzieht eine gewisse morbide Todesfaszination von Beginn an das gesamte âSkizzenbuchâ.cite-ref-gilmore-25-1[25]
In jĂŒngerer Zeit haben sich zahlreiche Kritiker zu der ausgeprĂ€gten Misogynie geĂ€uĂert, die in der Geschichte deutlich wird. So sah Leslie Fiedler in Rip Van Winkle das Grundmotiv angelegt, das seinem einflussreichen Werk Love and Death in the American Novel (1957) zufolge die gesamte amerikanische Literaturgeschichte prĂ€gt: die Flucht des mĂ€nnlichen Protagonisten vor Verantwortung, dem Erwachsenwerden, der Ehe, mithin der gesamten Zivilisation.cite-ref-32[32] Dabei sei die eskapistische Fantasie von der Flucht in die Wildnis, wie sie sich in Coopers Lederstrumpf-Romanen darstellt, zwar noch nicht voll entfaltet, da Irving Rip schlieĂlich in sein Dorf zurĂŒckkehren lĂ€sst, doch ist die frauenfeindliche Komponente dieses mutmaĂlichen amerikanischen Mythos bereits vorhanden: Indem Irving Rip als FlĂŒchtling vor der Tyrannei des Weibsvolks zeichnet, entwirft er eine âkomische Umkehrung der [europĂ€ischen] Legende von der bedrĂ€ngten Jungfer â eine entsprechende mĂ€nnliche Verfolgungsfantasieâ. Fiedlers Interpretation ist seither besonders in der feministischen Literaturtheorie aufgegriffen worden. So eröffnete etwa Judith Fetterley ihr Buch The Resisting Reader (1978), ein frĂŒhes Werk der feministischen Kanonkritik, mit einer Besprechung von Rip Van Winkle. Fetterley sieht Dame van Winkle als SĂŒndenbock, Feind, als âdas Andereâ gezeichnet, auch als Verkörperung der Restriktionen, die die âZivilisierungâ mit sich bringt; sie sieht in ihr sogar die sadistische Big Nurse aus Ken Keseys Einer flog ĂŒber das Kuckucksnest vorgebildet. Fetterley folgert, dass schon aus dieser ersten amerikanischen Kurzgeschichte der weibliche Leser ausgeschlossen werde, Dame Van Winkle bleibt namenlos, kaum mehr als eine Karikatur, die gewiss nicht zur Identifikation einlĂ€dt. Gerade ihre eigentlich lobenswerten Eigenschaften â dass sie, von ihrem nichtsnutzigen Gatten im Stich gelassen, allein den Hof in Ordnung hĂ€lt und die Kinder aufzieht â werden ihr als weibische Herrschsucht angelastet; alle Sympathien werden ohne Rechtfertigung auf den inkompetenten und faulen mĂ€nnlichen Protagonisten gelenkt.cite-ref-33[33]
Rezeption und Adaptionen
Das Sketch Book fand in England wie Amerika groĂen Absatz, doch wurde â neben den Weihnachtskizzen â gerade Rip van Winkle oftmals auch als Einzeldruck aufgelegt, vielfach in Anthologien aufgenommen, auch als Kinderbuch vertrieben und schon bald als SchullektĂŒre kanonisiert. Wie nur wenige andere literarische Figuren ist Rip Van Winkle schlieĂlich in die amerikanische Folklore eingegangen und vielfach in Hoch- wie PopulĂ€rkultur referenziert und auch parodiert worden. Neben The Legend of Sleepy Hollow ist es jedoch auch das einzige Werk aus Irvings umfangreichen Gesamtwerk, das noch heute einem breiten Publikum bekannt ist. Kurz nach Irvings Tod schrieb etwa William Cullen Bryant 1860, dass die beiden Geschichten in den Vereinigten Staaten wohl fast jedem bekannt seien, der ĂŒberhaupt lesen kann.cite-ref-34[34]
Den hohen Bekanntheitsgrad der Geschichte wussten schon frĂŒh die Einwohner der Kaatskills touristisch zu vermarkten: Bereits 1828 warb dort ein Wirtshaus mit der Behauptung, âRip van Winkleâs Shantyâ zu sein, also an eben der Stelle zu stehen, an der Rip eingeschlafen war; um 1860 konnte man dort bei einem als Rip verkleideten Schausteller erfrischende GetrĂ€nke erwerben,cite-ref-35[35] und um 1870 wurde an der Stelle ein Hotel errichtet, das Rip Van Winkle House.cite-ref-36[36] Die 1924 eingeweihte New York State Route 23 durch die Catskills trĂ€gt den Beinamen Rip Van Winkle Trail; den Hudson River quert sie ĂŒber eine 1935 erbaute AuslegerbrĂŒcke, die Rip Van Winkle Bridge.
Theater, Oper, Kino und Fernsehen
Eine besondere Rolle bei der Popularisierung des Stoffes in den USA spielte das Theater. Bis 1865 war Rip Van Winkle bereits mindestens in vier Adaptionen auf die BĂŒhne gebracht worden. 1865 wurde dann eine von Dion Boucicault bearbeitete Version in London uraufgefĂŒhrt, die mit dem Schauspieler Joseph Jefferson in der Hauptrolle eines der erfolgreichsten TheaterstĂŒcke des 19. Jahrhunderts werden sollte. Boucicault fĂŒgte der Geschichte einen weiteren Plot hinzu, in dem Rip sich eines Gegenspielers â seines arglistigen Schwiegersohns â erwehren muss. Das StĂŒck erlebte allein in London 170 Abende, bis Jefferson es 1866 nach New York brachte. In den nĂ€chsten 15 Jahren unternahm Jefferson mit seiner Kompanie jĂ€hrlich ausgedehnte Tourneen durch die StĂ€dte auch des amerikanischen Hinterlandes, wurde so einem Massenpublikum bekannt und schlieĂlich der wohl berĂŒhmteste amerikanische Schauspieler seiner Zeit. Zwar versuchte Jefferson sich ab 1880 auch wieder in anderen Rollen, doch identifizierte ihn das Publikum so sehr mit seiner Rolle, dass er bis zu seinem Lebensende noch hunderte Male den Rip Van Winkle gab.cite-ref-37[37] Dass die PopularitĂ€t des StĂŒcks auch, wenn nicht vor allem Jeffersons Darbietung geschuldet war, zeigt auch, dass es nach seinem Tod 1905 rasch von den SpielplĂ€nen verschwand.
Jeffersons Darbietung hielt William K. L. Dickson ab 1896 in mehreren kurzen Stummfilmen seiner American Mutoscope and Biograph Company fest; 1903 wurden die insgesamt acht Szenen zu einem Ganzen zusammengefĂŒgt.cite-ref-38[38] Dicksons Rip Van Winkle wurde 1995 von der Library of Congress als besonders erhaltenswert eingestuft und in das National Film Registry aufgenommen.cite-ref-39[39] In der StummfilmĂ€ra entstand eine Reihe weiterer Verfilmungen. Als Walt Disney um 1935 den Entschluss fasste, einen abendfĂŒllenden Zeichentrickfilm zu produzieren, hatte er zunĂ€chst eine Verfilmung von Rip Van Winkle im Sinn. Da es ihm jedoch nicht gelang, die Filmrechte fĂŒr den Stoff von Paramount zu erwerben, suchte er sich ein anderes Sujet, so dass statt Rip Van Winkle Schneewittchen und die sieben Zwerge als erste Animation im Spielfilmformat in die Filmgeschichte einging.cite-ref-40[40] Seither ist die Figur des Rip Van Winkle jedoch in verschiedenen Zeichentrickserien aufgetaucht, so traf er 1941 auf Popeye, und 1965 schlĂŒpften sowohl Mr. Magoo als auch Fred Feuerstein in seine Rolle. Der deutsche Kinofilm Good Bye, Lenin von 2003 greift das Motiv vom Aufwachen in einer verĂ€nderten Gesellschaftsform auf.
1884 adaptierte Robert Planquette den Stoff zur Operette Rip, als Oper brachten die Geschichte der italienisch-britische Komponist Franco Leoni (1897) sowie die Amerikaner George Frederick Bristow (1855) und Reginald De Koven (1920) auf die BĂŒhne.
Literatur
Unter den lyrischen Nachdichtungen und Bearbeitungen der ErzĂ€hlung sind Edmund C. Stedmans Rip Van Winkle and His Wonderful Nap, Oliver Wendell Holmesâ Rip Van Winkle (1870) und Herman Melvilles Rip Van Winkleâs Lilac (undatiert, erstmals postum erschienen in Weeds and Wildings, 1924) zu nennen. Ein Abschnitt von Hart Cranes The Bridge (1930), eines der groĂen Gedichte der amerikanischen Moderne, ist ebenfalls Rip Van Winkle betitelt â der Dichter ruft Rip Van Winkle als die âMuse der Erinnerungâ und âSchutzengel auf der Reise in die Vergangenheitâ an. Anspielungen auf Motive aus der ErzĂ€hlung finden sich ferner in so unterschiedlichen Werken wie James Joyceâ Ulysses, Willa Cathers My Antonia und Dylan Thomasâ Alterwise By Owl-Light. Autoren postmoderner Literatur haben Rip Van Winkle als Chiffre fĂŒr den rasanten Wandel der Lebenswelt in den vergangenen Jahrzehnten verwendet, so etwa Robert Coover in seinem Einakter Rip Awake (1972); Thomas Pynchons Roman Vineland (1989) beginnt gleichfalls mit einer Paraphrase von Rip Van Winkle: dem Erwachen eines Althippies im Kalifornien des Jahres 1984, der dann feststellen muss, dass seine Stammkneipe in eine Yuppie-Designerbar umgestaltet worden ist.cite-ref-41[41]
Noch in den 1820er Jahren wurde das Sketch Book in mehrere europĂ€ische Sprachen ĂŒbersetzt und die Geschichte von Rip Van Winkle so auch international bekannt. Die erste deutsche Ăbersetzung erschien bereits 1819 in Leipzig und ist gezeichnet von der in diesem Jahr mit den Karlsbader BeschlĂŒssen erlassenen Zensur. Der anonyme Ăbersetzer Ă€nderte die Geschichte teils erheblich ab und unterstrich insbesondere die bei Irving in der Tendenz schon vorhandene Darstellung unerfreulicher Seiten einer republikanischen Gesellschaftsordnung gegenĂŒber der trauten Harmonie in der Monarchie.cite-ref-42[42] Die Ăbertragung von Irvings âoffiziellemâ Ăbersetzer Samuel Heinrich Spiker erschien erstmals 1823 im Berlinischen Taschen-Kalender.cite-ref-43[43] Irving ĂŒbte im 19. Jahrhundert betrĂ€chtlichen Einfluss auch auf deutsche Literaten aus; explizite Anleihen bei Rip Van Winkle finden sich etwa in Wilhelm Hauffs Phantasien im Bremer Ratskeller (1827), Wilhelm Raabes Abu Telfan (1868) und in Ferdinand Freiligraths Im Teutoburger Walde (1869).cite-ref-44[44]
Im 20. Jahrhundert ist die Bearbeitung des Stoffs durch den Schweizer Schriftsteller Max Frisch im Hörspiel Rip Van Winkle (1953) und dem daraus entstandenen Roman Stiller (1954) hervorzuheben: Der Protagonist des Romans erzĂ€hlt seinem Verteidiger das âMĂ€rchen von Rip van Winkleâ, das er âvor Jahrzehnten [âŠ] in einem Buch von Sven Hedinâ gelesen zu haben glaubt.cite-ref-45[45] FĂŒr Frischs Roman ist das Thema von Trennung und Wiederkehr und die Auseinandersetzung der RĂŒckkehrer mit der ihnen zugeschriebenen IdentitĂ€t von zentraler Bedeutung. Eine Aktualisierung erfĂ€hrt das Rip-van-Winkle-Sujet im 2007 (dt. 2008) erschienenen Roman Exit Ghost von Philip Roth:cite-ref-46[46] Der Protagonist Nathan Zuckerman kehrt nach elf Jahren aus der Einsamkeit der Berkshires in Neuengland (die nur ca. 50 km von den Catskill Mountains entfernt sind) nach New York zurĂŒck und erlebt im Jahr 2004 die Wiederwahl von George W. Bush.
Ausgaben
âą Rip Van Winkle. Deutsch von Ilse Leisi-Gugler. In: Fritz GĂŒttinger (Hrsg.): Amerikanische ErzĂ€hler: Novellen von Washington Irving, William Austin, Edgar Allan Poe, Nathaniel Hawthorne, Herman Melville, Edward Everett Hale, Ambrose Bierce und Henry James. Artemis-Verlag, ZĂŒrich 1946.
E-Texte
Wikisource: Rip Van Winkle
â Quellen und Volltexte (englisch)
âą Rip Van Winkle â Digitalisat einer Ausgabe von David McKay Co, Philadelphia 1921. Mit farbigen Illustrationen von N. C. Wyeth. (Internet Archive)
âą Washington Irving: Rip van Winkle im Projekt Gutenberg-DE
SekundÀrliteratur
âą Jean Beranger: Analyses structurales de 'Rip Van Winkle.' In: Revue Française dâEtudes AmĂ©ricaines 5, 1978. S. 33â45.
âą Steven Blakemore: Family Resemblances: The Texts and Contexts of âRip Van Winkle.â In: Early American Literature 35, 2000. S. 187â212.
âą William P. Dawson: âRip Van Winkleâ as Bawdy Satire: The Rascal and the Revolution. In: ESQ: A Journal of the American Renaissance 27:4, 1981, S. 198â206.
âą Howard Horwitz: Rip Van Winkle and Legendary National Memory. In: Western Humanities Review 58:2, 2004.
âą Klaus Lubbers: Washington Irving · Rip Van Winkle. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, DĂŒsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 25â35.
âą Terence Martin: Rip, Ichabod, and the American Imagination. In: American Literature 31:2, Mai 1969, S. 137â149.
âą Colin D. Pearce: Changing Regimes: The Case of Rip Van Winkle. In: Clio 22, 1992. S. 115â28.
âą Henry A. Pochmann: Irvingâs German Sources in The Sketch Book. In: Studies in Philology 27, 1930, S. 477â507.
âą Donald A. Ringe: New York and New England: Irvingâs Criticism of American Society. In: American Literature 38:4, 1967, S. 455â67.
âą Jeffrey Rubin-Dorsky: Washington Irving: Sketches of Anxiety. In: American Literature 58:4, 1986, S. 499â522.
âą Jeffrey Rubin-Dorsky: The Value of Storytelling: âRip Van Winkleâ and âThe Legend of Sleepy Hollowâ in the Context of âThe Sketch Bookâ. In: Modern Philology 82:4, 1985, S. 393â406.
âą Walter Shear: Time in 'Rip Van Winkle' and 'The Legend of Sleepy Hollow.'. In: Midwest Quarterly 17, 1976. S. 158â72.
âą Michael Warner: Irving's Posterity. In: English Literary History 67, 2000. S. 773â799.
âą Sarah Wyman: Washington Irving's Rip Van Winkle: A Dangerous Critique of a New Nation. In: ANQ 23:4, 2010, S. 216â22.
âą Philip Young: Fallen from Time: The Mythic Rip Van Winkle. In: Kenyon Review 22, 1960, S. 547â573.
Weblinks
Commons
: Rip Van Winkle
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Einzelnachweise
cite-note-11. â Stanley T. Williams, The Life of Washington Irving, Oxford University Press, New York 1935, Bd. 1, S. 168â169.
cite-note-22. â Mary Weatherspoon Bowden: Washington Irving. Twayne, Boston 1981, S. 59; Andrew Burstein: The Original Knickerbocker: The Life of Washington Irving. Basic Books, New York 2006, S. 149.
cite-note-33. â Ruth B. Bottigheimer: Washington Irving. In: EnzyklopĂ€die des MĂ€rchens. Band 7, Walter de Gruyter, Berlin 1977, S. 295.
cite-note-44. â Washington Irving: Gottfried Crayon's Skizzenbuch im Projekt Gutenberg-DE
cite-note-55. â So z. B. bei Fred L. Pattee: Development of the American Short Story: An Historical Survey. Harper & Brother, New York 1923, S. 1ff.
cite-note-66. â Werner Hoffmeister: Die deutsche Novelle und die amerikanische âTaleâ: AnsĂ€tze zu einem gattungstypologischen Vergleich. In: The German Quarterly 63:1, 1990, S. 44â45.
cite-note-77. â George S. Hellman (Hrsg.): Letters of Washington Irving to Henry Brevoort, together with other Unpublished Brevoort Papers. G. P. Putnamâs Sons, New York 1918, S. 399: âI have preferred adopting a mode of sketches & short tales rather than long work, because I chose to take a mode of writing peculiar to myself; rather than fall into the mode or school of any other writer; and there is a constant activity of thought and a nicety of execution required in writings of the kind, more than the world appears to imagine âŠâ.
cite-note-88. â Irving schreibt in einer FuĂnote zu der Skizze The Historian (1824): âI find that the tale of Rip Van Winkle, given in the Sketch Book, has been discovered by divers writers in magazines, to have been founded on a little German tradition, and the matter has been revealed to the world as if it were a foul instance of plagiarism marvellously brought to light. In a note which follows that tale I had alluded to the superstition on which it was founded, and I thought a mere allusion was sufficient, as the tradition was so notorious as to be inserted in almost every collection of German legendsâ. Zitiert nach der Ausgabe von Carey, Lea & Blanchard, Philadelphia 1835, Band II, S. 149.
cite-note-1010. â E. L. Brooks, A Note on the Source of âRip Van Winkleâ, in: American Literature 25, 1954, S. 495â496.
cite-note-1111. â Walter A. Reichart, Washington Irving and Germany, University of Michigan Press, Ann Arbor 1957, S. 28.
cite-note-1212. â Williams, S. 183.
cite-note-1313. â Pierre M. Irving, Life and Letters of Washington Irving, Band 1, G. P. Putnam, New York 1862, S. 282.
cite-note-1414. â Reichart, S. 23.
cite-note-1515. â Zu diesen und weiteren Mythenstoffen siehe Young 1963.
cite-note-1616. â Pochmann, S. 480â481.
cite-note-1717. â Pattee 1923, S. 10â12.
cite-note-1818. â Martin Scofield, The Cambridge Introduction to the American Short Story, Cambridge University Press, Cambridge 2006, S. 12.
cite-note-1919. â Martin, S. 138â140
cite-note-2020. â So schreibt Irving ĂŒber seine Persona Diedrich Knickerbocker: âHis historical researches, however, did not lie so much among books as among men; for the former are lamentably scanty on his favorite topics; whereas he found the old burghers, and still more their wives, rich in that legendary lore, so invaluable to true historyâ.
cite-note-2121. â âWhen I first wrote the Legend of Rip Van Winkle my thoughts had been for some time turned towards giving a color of romance and tradition to interesting points of our national scenery, which is so generally deficient in our country.â Zitiert in: Wagenknecht 1962, S. 174.
cite-note-2222. â James F. Tuttleton, Style and Fame: The Sketck Book, in: James F. Tuttleton (Hrsg.), Washington Irving: The Critical Reaction, AMS Press, New York 1993, S. 53.
cite-note-2323. â William Hazlitt, The Spirit of the Age, Henry Colburn, London 1825, S. 421.
cite-note-ma142-2424. â Martin, S. 142.
cite-note-gilmore-2525. â Michael T. Gilmore, The Literature of the Revolutionary and Early National Period, in: Sacvan Bercovitch (Hrsg.), The Cambridge History of American Literature, Band 1: 1590â1820, Cambridge University Press, Cambridge 1997, S. 669â671.
cite-note-2626. â Zu den politischen Implikationen vgl. allgemein Ringe, 1967.
cite-note-2727. â Lewis Mumford, The Golden Day, Horace Loveright, New York 1926, S. 68â71.
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cite-note-3030. â Ringe, S. 455.
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cite-note-3232. â Leslie Fiedler, Love and Death in the American Novel, Criterion, New York 1960, S. 6.
cite-note-3333. â Judith Fetterley: The Resisting Reader: A Feminist Approach to American Fiction. Indiana University Press, Bloomington 1978, S. 2â10.
cite-note-3434. â William Cullen Bryant: Discourse on the Life, Character and Genius of Washington Irving. In: George P. Putnam (Hg.): Washington Irving. G. P. Putnams, New York 1860. S. 22.
cite-note-3535. â Irvin Richman, The Catskills: In Vintage Postcards, Arcadia Publishing, Richmond SC 1999, S. 41.
cite-note-3636. â David Stradling, Making Mountains: New York City and the Catskills, University of Washington Press, Seattle und London 2007, S. 75â76.
cite-note-3737. â Stephen Johnson, Joseph Jeffersonâs Rip Van Winkle, in: The Drama Review 26:1, 1982.
cite-note-3838. â Rip Van Winkle (1903/I). Internet Movie Database, abgerufen am 22. Mai 2015 (englisch).
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cite-note-4141. â David Thoreen, Thomas Pynchonâs Political Parable: Parallels between Vineland and Rip Van Winkle, in: ANQ 14:3, 2001, S. 45â50.
cite-note-4242. â Erika Hulpke, Cultural Constraints: A Case of Political Censorship, in: Harald Kittel, Armin Paul Frank (Hrsg.), Interculturality and the Historical Study of Literary Translations, Erich Schmidt Verlag, Berlin 1991, S. 71â74.
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cite-note-4646. â Philip Roth, Exit Ghost, Hanser Belletristik, MĂŒnchen 2008, S. 1.